häusliche Pflege

Was kommt auf einen zu, wenn man einen Angehörigen zu Hause pflegt? Teil 5 – zeitliche Perspektive / persönliche Planungssicherheit

Der letzte Teil meiner kleinen Pflegeserie könnte ziemlich kurz ausfallen, da man die entscheidende Frage kann man in einem einzigen Satz beantworten: Planungssicherheit gibt es nicht und die zeitliche Perspektive ist schlichtweg nicht absehbar. Dennoch werde ich die einzelnen Punkte etwas tiefer beleuchten.

Jeder sollte sich bevor er sich für die Pflege von Angehörigen entscheidet folgende Fragen stellen:

  • Wie viele Jahre möchte ich maximal einplanen? Wie lange kann ich auf meine Berufstätigkeit und das damit verbundene Gehalt verzichten?
  • Kann ich mit der Ungewissheit, wie lange die Pflege anhalten wird leben oder belastet es mich zu sehr, wenn ich meine Schritte nicht im Voraus planen kann?
  • Kann und will ich für Tage, Wochen, Monate oder Jahre in dieser Ungewissheit leben? Komme ich damit klar, dass jeder einzelne Tag der letzte sein kann?

Natürlich sind die Antworten auf diese Fragen nicht in Stein gemeißelt, – schließlich kann keiner von uns in die Zukunft sehen – aber das müssen sie auch gar nicht sein. Als ich vor inzwischen zwei Jahren meinen Beruf aufgab, um meine Großeltern zu pflegen, habe ich mir über die zeitliche Perspektive zwar Gedanken gemacht, doch fühlte ich mich mit 33 Jahren noch relativ jung und begnügte mich mit den Einzahlungen der Pflegekasse auf mein Rentenkonto. Nun bin ich 35 Jahre alt und es ist nicht absehbar, wann ich voll in meine Rente einzahlen kann (da ich wegen meiner Kinder die ersten Jahre zu Hause geblieben bin, habe ich erst ein Jahr als Psychologin gearbeitet) und die Berichte über Altersarmut häufen sich… Natürlich bekomme ich langsam ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Zugleich bin ich aber auch hin- und hergerissen, da meine Großeltern 85 und 93 Jahre alt sind und ich nicht weiß, wie lange ich noch mit ihnen zusammen sein kann. Als Kompromiss, mit dem ich weiterhin gut leben kann, habe ich mir vorgenommen, die nächsten zwei Jahre (falls es gut läuft und meine Großeltern nicht vorher versterben oder doch in ein Heim müssen) weiter zu machen wie bisher und dann für mich neu zu entscheiden. In fünf Jahren möchte ich jedoch ganz sicher wieder arbeiten gehen, auch wenn es nach dann siebenjähriger Pause und nur einjähriger Berufserfahrung schwierig wird, als Psychologin irgendwo Fuß zu fassen…

Das zweite Thema ist die völlig fehlende zeitliche Perspektive. Im günstigen Fall sucht man sich einen neuen Job, bevor man seinen alten kündigt. Doch wenn man keinerlei Anhaltspunkte hat, ob man in wenigen Wochen, Monaten oder erst mehreren Jahren eine neue Stelle braucht, kann man sich nicht auf dem Arbeitsmarkt umsehen. Würde ich eine zu mir passende ausgeschriebene Stelle sehen, käme ich nur in einen Zwiespalt, daher kommt das Beobachten des Stellenmarktes für mich nicht in Frage. In den letzten zwei Jahren sind mir zwei konkrete Stellen (ohne Bewerbung) angeboten worden und meine Absage war jedes Mal doch mit schwerem Herzen verbunden. Und ich gebe völlig offen zu: ich wünsche mir bisweilen eine kleine Kristallkugel, die mir sagt, wie lange meine Großeltern noch meine Pflege benötigen. Auch wenn das makaber oder egoistisch erscheinen mag.

So bemerke ich jetzt nach zwei Jahren eine gewisse Zerrissenheit in mir: einerseits wünsche ich mir noch viele weitere Jahre mit meinen Großeltern, doch andererseits wächst in mir der Wunsch nach einer geregelten Arbeit (vor allem, da ich inzwischen 7 Tage die Woche zu meinen Großeltern gehe und somit Ganztages-Familienausflüge mit meinen Kindern, ein Kurzurlaub am Wochenende oder Urlaub generell nicht mehr möglich sind). Ehrlich gesagt, war ich nicht darauf eingestellt, dass mir die fehlende Planungsicherheit einmal zu schaffen machen würde. Aber ich bin auch nicht davon ausgegangen, dass mein Opa über Nacht von völlig selbständig zu bettlägerig wechseln würde. In seinem Alter dachte ich eher, er würde einfach eines Tages nicht mehr aufwachen – nicht nicht mehr aufstehen.

Selbst wenn man sich mit den eingangs erwähnten Fragen intensiv auseinandergesetzt hat, sollte man sich doch erlauben flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren. Es ist keine Schande und kein Versagen, wenn man an seine eigenen Grenzen stößt und sich neu entscheidet. Man lässt niemanden im Stich, wenn man ein Pflegeverhältnis vorzeitig beendet. Im Gegenteil sollte man sich vor Augen führen, dass man für die Zeit, die man gepflegt hat (egal, ob Tage, Wochen, Monate oder Jahre) für den geliebten Menschen einen Unterschied gemacht hat. Alles was zählt sind die Tage, die man da war, nicht die, die man es nicht ist. Und wenn man sich dies zugesteht, sind die fehlende zeitliche Perspektive und die fehlende Planungssicherheit gar nicht mehr so schlimm. Es sind dann nur zwei weitere Unbekannte in dem großen Abenteuer `Leben´, das sowieso nicht planbar ist.

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