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Die Leiden der M.L. – oder: Wie schreibt man eine gute Sexszene?

„Sex ist etwas völlig Normales, gehört zum Leben dazu und man sich drüber nicht den Kopf zerbrechen“, dachte ich immer. Bis ich plötzlich meine erste Sexszene schreiben musste. Dann wurde die normalste Sache der Welt plötzlich furchtbar kompliziert…

Meine Probleme fingen damit an, wie um alles in der Welt ich die männlichen und weiblichen Genitalien nennen sollte… „Penis“ war zu steril, „Schwanz“ zu pervers. „Muschi“ völlig indiskutabel. Ein Satz, der so ähnlich klingt wie: „Der Lümmel umkreiste die feuchte Muschi“ lässt mich an Wilhelm Busch denken und würde dann in etwa so klingen:

Max zu seinem Bruder spricht:
„Siehst du Nachbars Katze nicht?“
„Lass uns doch die Muschi necken
Und den alten Mann erschrecken!“

Gesagt getan, ein Unheil droht,
gerade vor dem Abendbrot.
Sieh der Lümmel packt rasch zu,
Fängt die Muschi ein im Nu…

Flugs zum Teiche eilen sie,
Hört nur, wie die Muschi schrie,
feucht und zitternd nach Haus sie sprang
Als ihr denn die Flucht gelang.

Ja, ich weiß, Wilhelm Busch würde sich im Grabe umdrehen – aber die Bewegung täte ihm nach der langen Zeit vermutlich ganz gut. Doch zurück zu meinem Problem. Was mache ich als gute Akademikerin immer, wenn ich irgendetwas nicht weiß? Ich versuche, das Problem mit Literatur und Recherche zu beseitigen. Da ich sowieso noch wissen wollte, wie die die „Kronjuwelen“ im Mittelalter genannt wurden, googelte ich einfach mal. Das Ergebnis war nicht hilfreich: Ich fand eine Liste mit Namen für das männliche Geschlechtsteil, die mir die Lachtränen in die Augen trieb. Das half mir zwar nicht weiter, ich wurde aber ziemlich gut unterhalten. Meine Favoriten sind: Allmoprala (All Morgendliche Pracht Latte – hatte ich tatsächlich noch nie gehört), Apparat, Degen, Eifelturm (ja, wirklich!), Einhorn (???), Geiles Teil (ich dachte, so bezeichnen Männer ihre Autos), Hammer, Hörnchen (da lachte ich besonders laut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein durchschnittlicher Mann eine solche Verniedlichung benutzen würde), Imperator (da wird man vermutlich noch von Disney verklagt), Lachs (bitte was???), Lurch, Mönch, Monster (echt jetzt?), Ochsenschwanz (den hat meine Oma zu Weihnachten immer als Suppe gekocht), Orgelpfeife, Querschläger, Pillemännchen (süß, klingt nur nach Kindergarten), Rochen, Trompete und Überflieger – nur, um die besten zu nennen…

Was diese ganzen Namen gemeinsam haben: sie sind nicht nur völlig lächerlich, sondern auch gänzlich unerotisch… Für meine Zwecke also nicht zu gebrauchen. Also schrieb ich meine erste Sexszene ohne nähere Kenntnisse des literarischen Handwrkszeugs und sie liest sich genau so unbeholfen, wie ich mich dabei gefühlt habe. Die zweite wurde immerhin schon besser, aber da kannten sich die Hauptcharaktere schon besser, vertrauten einander und ließen sich auf einander ein 😉
Immerhin kann man eine schlechte Szene jederzeit umschreiben – eine leere Seite hingegen nicht.

So langsam rückt jedoch das Ende meines aktuellen Projekts in Sichtweite (den 31.10. habe ich mir als Deadline für den ersten Entwurf gesetzt) und mir wird immer klarer, dass ich mich dieser beiden Szenen bald noch einmal widmen muss. Und dafür brauche ich wieder: Ahnung, wie man so etwas schreibt. Mein zweiter Schritt war also: Recherche. Das heißt: erotische Literatur lesen. Da das nicht mein Genre ist, googelte ich wieder. Als Buchvorschläge kamen Lolita (nein, brauche ich nicht), Casanova (was anno dazumal explizit und tabubrechend war, ist heute vermutlich nur angedeutet) und andere Uraltschinken. Die 50 Shades of Grey habe ich zwar gelesen, die häufigen Wiederholungen der einzelnen Formulierungen fand ich aber nervend genug, das sie mir in Erinnerung geblieben sind. Ich wollte da schon etwas sprachlich Hochwertigeres als Inspiration.

Gefunden habe ich letztendlich einen kostenlosen Schwulenporno auf Englisch auf Wattpad, der mir deutlich gemacht hat, dass es nur eine sehr begrenzte Anzahl an Möglichkeiten gibt, auszudrücken, wenn jemand etwas in etwas anderes hineinsteckt, auch wenn das in jedem der ersten 10 Kapitel der Fall ist. Gleiches Problem, wie bei den Shades of Grey also. Vielleicht sollte ich also die Latte nicht so hoch hängen (ja, der ist arm, musste aber sein)? Immerhin weiß ich jetzt, das man im Englischen problemlos 10 Mal in einem Kapitel das Wort „cock“ benutzen kann. Kennt vielleicht ein buchfähiges deutsches Äquivalent?

Da mich die englische Lektüre auch nicht wirklich weiterbrachte, wollte ich heute „einfach“ in die örtliche Buchhandlung gehen und dort ein entsprechendes Buch kaufen. Kann ja nicht so schwer sein. War es doch. Ich kaufte einen Krimi mit hoffentlich erotischer Nebenhandlung (und hoffe inständig, dass es keine Lovestory ist, dieses obligatorische umeinander rumlarvieren und es die ganze Zeit versauen und nicht auf die Reihe bekommen kann ich nämlich nicht ausstehen). Frustriert, weil ich nicht so richtig fündig wurde, ging ich noch in den nächsten Buchladen. Dort war die Auswahl etwas größer und ich kaufte das neue Buch meines Lieblingsautors (Urban Fantasy-Krimi ohne jegliche Erotik)…

Nach einer Dreiviertelstunde in Rombach und Thalia, in der ich so ziemlich jeden einzelnen Klappentext der Erotikbücher gelesen hatte, konnte ich meine Erkenntnis über das Genre erotische Literatur in einem Satz zusammenfassen: Er will, sie will, „ihre Haut prickelt, wenn sich ihre Blicke treffen“ (dieser Satzteil ist ganz wichtig, der stand nämlich auf sehr vielen Büchern hinten drauf) aber sie tun es nicht, weil er ihr Boss ist /einer von beiden ein dunkles Geheimnis hat / die Vergangenheit einen von ihnen einholt (zutreffendes bitte auswählen). Vor allem die Sache mit dem Boss ist sehr beliebt und natürlich hat sie dann immer Angst um ihren Job, wenn sie sich darauf einlässt – es klingt also wieder nach dem ganzen rumlarvieren der Liebesromane…

Im Endeffekt bin ich kein Stück weiter, bin jedoch darin bestärkt worden, dass ich beim Lesen einfach bei Krimis bleiben werde. Oder hat jemand von euch einen Tipp für mich? Das Buch muss allerdings in der 3. Person geschrieben sein, Ich-Erzählungen helfen mir nicht weiter. Am besten wären erotische Kurzgeschichten, in denen es kurz und knackig zur Sache geht. Die Bücher, die ich heute gesehen habe, waren nämlich fast alle 2-4 mal so dick wie ein anständiger Krimi…

Ansonsten könnt ihr natürlich alle die Daumen drücken, dass ich etwas Anständiges Unanständiges finde, damit die entsprechenden Szenen in meinem ersten Krimi weder zum Fremdschämen noch zum überblättern langweilig werden 🙂

2 Kommentare

  • Marc

    Gutes Thema. Der Schlüssel liegt wahrscheinlich in dem, was du bereits angedeutet hast: Übung, nicht nur die deiner Protagonisten, sondern deiner eigenen. Als ich vor langer Zeit vor demselben Problem stand, habe ich zehn Szenen geschrieben mit der Auflage an mich, immer wieder ein anderes Verhältnis anzunehmen und die sexuelle(n) Handlung(en) vollständig auszuerzählen und einzurahmen.
    Für die Begriffe kann ich dir die anais-Reihe ans Herz legen, die ich gut ausformuliert fand, wenn auch aus der ersten Person geschrieben. Letztlich denke ich aber, dass im Deutschen „Schwanz“ als intensive, „Penis“ als zurückhaltendere Bezeichnung völlig ausreicht. Die weiblichen Geschlechtsteile sind schwieriger.
    Und wenn du es nicht sofort schaffst oder dich für hoffnungslos untalentiert hälst- es gibt so viele, sehr gute Literatur, die in diesem Punkt enttäuscht, nimms nicht schwer, viele LeserInnen sind wenig gewohnt und mit wenig zufrieden.

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